11.05.2010 | Schüler in Heinsberg setzen sich gegen die Einheitsschule ein

Ende April reichte es einigen Schülern im nordrhein-westfälischen Kreis Heinsberg:

Die andauernden Diskussionen über die Einführung einer Einheitsschule in NRW waren für diese Schüler nicht akzeptabel.

Kurzerhand gingen sie an die Schulen und sammelten Unterschriften gegen die Einheitsschule und sprachen besodners andere Schüler an.

Nach 2-wöchiger intensiver Sammlung schickten sie die Unterschriften an die demokratischen Parteien CDU, SPD, FDP und die Grünen, um sie auf deren Probleme und Ablehnung der Einheitsschule aufmerksam zu machen.

Weiterhin werden sie die Liste am 18.5 an den geilenkirchener Bürgermeister Fiedler (parteilos) überreichen.

Über diese Aktion wurde ebenfalls in der Aachener Zeitung berichtet:

“Aachener Zeitung vom 29.04.2010

Lokales Geilenkirchen

Frage nach dem Lernen auf die Straße getragen

“Wir dürfen noch nicht wählen, aber wir engagieren uns trotzdem!” Mehrheit angesprochener Geilenkirchener Schüler gegen eine Reform des Schulsystems.

“Wir dürfen noch nicht wählen, aber wir engagieren uns trotzdem!” Mehrheit angesprochener Geilenkirchener Schüler gegen eine Reform des Schulsystems.

Geilenkirchen. Von wegen “die Jugend von heute” interessiere sich für nichts. Geilenkirchener Schüler haben eine Umfrageaktion gestartet, mit der sie ein Stück Schulpolitik des Landes Nordrhein-Westfalen begleiten: die Debatte um die “Gemeinschaftsschule”.

Dazu sammeln sie an verschiedenen Schulen, so am Gymnasium St. Ursula, der Gesamtschule Geilenkirchen und der Realschule Gangelt, Meinungen und Unterschriften.

Gerade vor den anstehenden Landtagswahlen wird häufig über das oftmals emotionsgeladene Thema Bildungspolitik und deren Schwächen diskutiert. Zurzeit steht speziell das Konzept, das dreigliedrige Schulsystem aufzugeben oder zumindest die Trennung für verschiedene Schulformen erst später – etwa in der 7. Klasse – einzuführen, auf dem Prüfstand. SPD, Grüne und die Linke wollen Gemeinschaftsschulen einführen, in denen alle Kinder und Jugendlichen bis zum Ende ihrer Schulzeit gemeinsam unterrichtet werden, weil sie die Unterteilung in Gymnasien, Real- und Hauptschulen für die schlechte Bildung vieler Schulabgänger verantwortlich machen.

Durch die frühe Trennung in der 5. Klasse fehlten vielen Schülern die Chancen, so wird argumentiert, später einen guten Abschluss zu erreichen. Die CDU hält am bestehenden System fest, sie sieht darin nicht die Wurzel des Problems. Kinder könnten auch auf den bestehenden Schulen individueller gefördert werden, dazu brauche man aber mehr sozial und fachlich kompetente Lehrer und Ganztagsschulen. Die FDP verweist auf Studien, die belegen, dass schwächere Schüler bei großen Leistungsspannen demotiviert, stärkere Schüler unterfordert wären und dass lediglich die Durchlässigkeit der Schulen, also die Möglichkeit, Schulformen zu wechseln, verbessert werden müsse.

Das ist ein weites Feld, das nicht nur von Politikern und – weil betroffen – Lehrern diskutiert wird, sondern auch von den Schülern selbst. Doch wie kommt man auf die Idee, die Debatte auf die Straße zu tragen, für ein konkretes Ergebnis sogar Unterschriften zu sammeln? Auskunft gibt Initiator Linus Stieldorf, 9. Klasse, St.-Ursula-Gymnasium: “Wir dürfen zwar noch nicht wählen, aber das heißt nicht, dass wir keine Meinung zur Bildungspolitik haben”, so der 15-Jährige. “Wir wollen uns anders engagieren. Gerade uns Schüler geht das Thema natürlich was an.”

Den Plan für diese Aktion hatten die Schüler selbst entwickelt. Zwar sei die Thematik Unterrichtsinhalt in verschiedenen Fächern, ein konkretes Pro oder Contra lassen sich die Lehrer und Rektoren der Schulen aber meist nicht entlocken. Auch die Meinungen der Schüler gehen weit auseinander. Einige sind aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit “klar für Gemeinschaftsschulen”. Der Tenor der Mehrheit, die während der Unterschriftenaktion zur Diskussion bereit war, sprach aber deutlich gegen die Zusammenlegung der Schulformen.

überraschenderweise sehen sogar Schüler der Gesamtschule diese Idee sehr kritisch, so das grundsätzliche Umfrageergebnis. In Gesamtschulen werden Grund- und Erweiterungskurse in jedem Fach angeboten, ähnlich dem geplanten Konzept der Gemeinschaftsschulen. Eine Schülerin beschreibt die Situation an ihrer Gesamtschule als kompliziert: “Das Niveau in den einzelnen Kursen ist extrem unterschiedlich. Es ist total verwirrend, wenn in einem Fach leistungsmäßig sehr viel erwartet wird und im anderen nicht. So denken auch andere in meiner Schule.”

Auch viele Realschüler wollen nicht mit anderen Schulformen zusammengelegt werden. Ein häufiges Argument: Sie würden gezielt auf einen Ausbildungsberuf vorbereitet, während das Gymnasium auf ein Studium hinauslaufen würde. Und man könne ja, wenn man wirklich wolle, für die Oberstufe aufs Gymnasium wechseln.

Einige Stimmen am Unterschriftenstand sprachen vom “bevorstehenden Chaos”, wenn jetzt das ganze Schulsystem reformiert würde, man wolle keine “Experimente auf Selbstkosten”. Auch befürchten viele eine Senkung des Niveaus, wenn plötzlich alle zusammen unterrichtet würden. So sehen das auch die Initiatoren der Unterschriftenaktion und rufen Mitschüler dazu auf, sich “gegen Entscheidungen der Politiker über ihre Köpfe hinweg” zu wehren.

Ob nun für oder gegen Gemeinschaftsschulen: Löblich an dieser Aktion sei auf jeden Fall, dass sich Schülerinnen und Schüler der 7. bis 9. Klassen aus verschiedenen Schulformen organisieren und gemeinsam ein politisches Thema angehen, empfindet auch Michael Wagemann, Lehrer am St. Ursula-Gymnasium. “Dieses Engagement zeugt von staatsbürgerlicher Verantwortung, wenn man in dem Alter schon so ein politisches Bewusstsein entwickelt. Es ist sehr wichtig, dass die Schüler zu diesem Thema ihre Meinung offen äußern und dafür einstehen. Schließlich betrifft es ja hauptsächlich sie.”

Die Umfrage soll noch einige Tage weitergeführt werden, so Linus Stieldorf. In den Pausen und nach der Schule wollen die Jugendlichen weiterhin Unterschriften sammeln und über das Thema diskutieren. Mitte nächster Woche werden sie voraussichtlich über 500 Unterschriften zusammengetragen haben und die Listen dem Geilenkirchener Bürgermeister Thomas Fiedler persönlich überreichen.”

Mit diesem Plakat/Flyer machten die Schüler auf ihre Aktion aufmerksam:

Diese Aktion zeigt besonders, dass sich auch Initiativen von Schülern lohnen und diese bei politischen Richtungs-Entscheidungen berücksichtigt und nicht übergangen werden sollten.

Schlussendlich konnten die Schüler sogar knapp 1000 Unterschriften sammeln, welche über 50% der Schüler zwischen 15 und 19 Jahren in de Gemeinde repräsentieren.